Neue Erkenntnisse in der Kinderwunsch-Medizin bei verlangsamter oder scheinbar arretierter Embryo-Entwicklung

Ein Embryo, der aus medizinischer Sicht bei einer Kinderwunschbehandlung mittels In vitro Fertilisierung (IVF-Therapie / Künstliche Befruchtung) sich im Reagenzglas nicht oder zu langsam heranwächst und aus diesem Grund in der Regel nicht transferiert wird, kann sichdurchaus zu einem gesunden Kind entwickeln. Die Chancen darauf können durch eine individuelle Kinderwunschbehandlung erhöht werden.

Ist ein Embryo scheinbar in der Entwicklung arretiert, also stehengeblieben, so gibt es die Option der Weiterkultivierung. Bis zum sechsten oder siebten Tag kann dies im IVF-Labor geschehen. So kann das notwendige Entwicklungsstadium, die Blastozyste, erreicht werden.

Chancen bei verlangsamter Embryo-Entwicklung oder bei scheinbarem Entwicklungsstopp

Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten ist wissenschaftlich zahlreich belegt, dass der Transfer von Embryonen im Blastozystenstadium die Chancen auf eine Schwangerschaft wesentlich erhöht.

Doch selbst bei besten Bedingungen im IVF-Labor gibt es Situationen, in denen eine verzögerte Embryo-Entwicklung (z.B.: Embryo im kompaktierten Stadium, Morula oder frühe Blastozyste) oder ein scheinbarer Entwicklungsstopp festgestellt werden. Dies geschieht oft auch in wiederholten Stimulationszyklen.

Wie sehen also die Chancen aus, tatsächlich mit diesen Embryonen schwanger zu werden?

Dazu habe ich mit meinem Team eine große interne Analyse durchgeführt. Insgesamt wurde nach 401 Transfers dieser Embryonen mit primär verlangsamter Entwicklung eine Schwangerschaftsrate von 8 % erreicht. Es wurden 18 gesunde Kinder geboren. Obwohl diese Erfolgsrate niedrig erscheint, stellt sie mit großer Wahrscheinlichkeit die einzige Chance für die betroffenen Paare dar, ein eigenes Kind zu bekommen und sollte daher auf jeden Fall genutzt werden.

Erfolge bei Embryo-Kultur bis zum sechsten / siebten Tag in Kryozyklus

Hinsichtlich einer verlangsamten Embryo-Entwicklung am fünften Tag besteht die Möglichkeit, die Embryonen ein- bis zwei weitere Tage im Kulturmedium zu belassen.

Sofern eine Blastozysten-Entwicklung stattfindet, können diese eingefroren werden. Da die Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) zu diesem Zeitpunkt je nach Frauentyp oftmals nicht mehr bereit ist für eine Implantation und Einnistung (siehe unten WINDOW OF IMPLANTATION – WOI), werden die tiefgefrorenen Blastozysten in einem nachfolgenden Kryozyklus transferiert. Das bedeutet, dass die Schleimhaut so aufgebaut wird, dass diese dann dem synchronenm Alter der verlangsamten Blastozyste entspricht (Anmerkung: die verlangsamte Blastozyste, die erst am Tag sechs seiner Entwicklung einem Tag-fünf- Embryo entspricht, wird in eine Schleimhaut transferiert, die dem Tag fünf entspricht).

„Ein Saatgut (= der Embryo) wird ja auch nicht im Hochsommer (= Tag 6 der Schleimhaut) gestreut, sondern im Frühjahr. Und wenn es schon Hochsommer ist, wird das Saatgut gelagert (= der Embryo eingefroren) und das kommende Frühjahr zum Säen abgewartet. Zum Erfolg dieser Vorgehensweise hat meine Arbeitsgruppe auch wiederholt wissenschaftliche Belege geliefert.“

Kinderwunschspezialist Dr. Nicolas Zech

Alle Embryonen weiter kultivieren !!!!!

Mit dieser Erkenntnis sind wir dazu übergegangen, alle Embryonen, die am Tag fünf noch nicht das Blastozystenstadium erreicht haben oder deren Entwicklung scheinbar stoppte, weiter in der Embryonenkultur zu belassen. Gegebenenfalls können sie nun am sechsten oder siebten Tag mit anschließendem Transfer in einen Folgezyklus eingefroren werden. Dabei wird die Schleimhaut nach heutigen Kentnissstand bestmöglich auf den optimalen Zeitpunkt für eine Einnistung eingestellt.

Die aufgezeigten Ergebnisse meiner Arbeitsgruppe sollen außerdem ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Verwerfen von Embryonen allein aufgrund einer morphologischen Ist-Zustands-Analyse und der damit verbundenen Kategorisierung in „nicht-lebensfähiger Embryo“ angesichts der Möglichkeiten modernster Tiefgefriertechniken kein zielführender Ansatz ist.

Um noch einmal zu dem Beispiel der Natur zurückzukommen: Es gibt natürlich auch Saatgut, das nicht im Frühjahr, sondern zu einem anderen Zeitpunkt ausgesät werden sollte. Dies ist abhängig von der Umgebung, dem Klima, der Sorte des Saatgutes u. v. m.

So ähnlich ist es auch mit der Schleimhaut und dem Embryo. Abhängig vom Alter der Frau, ihrer Ethnizität, ihrer Umgebung etc. sollte in gewissen Fällen ein Transfer von Embryonen zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt erfolgen. Dieses Thema ausführlich zu besprechen, würde jedoch den Rahmen dieses Blogs sprengen. Das sollte vielmehr sehr individuell mit jedem einzelnen Paar besprochen und angegangen werden.

Eine „Gretchen-Fage“ bleibt bis heute unbeantwortet

Was ist eigentlich der optimale Zeitpunkt für einen Embryo sich in der Gebärmutterschleimhaut einzunisten? Das sogenannte WINDOW OF IMPLANTATION (WOI), also der optimale Zeitpunkt für die Einnistung eines Embryos: … hier gibt es noch viel zu Erforschen! Näheres dazu in einem weiteren Blog.