Schlechte Spermienqualität – ein unveränderlicher Zustand?

Eine schlechte Spermienqualität ist eine mögliche Ursache für ungewollte Kinderlosigkeit. Aber was sind die Gründe für eine schlechte Samenqualität? Und kann man daran nichts ändern? Doch, man kann. Vielleicht erraten Sie es schon:

Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Es sind vor allem der Lebensstil und die Umwelteinflüsse, die den Erfolg auf eine Schwangerschaft stark beeinflussen.

Das Spermiogramm

Die Zeugungsfähigkeit eines Mannes lässt sich – meistens – anhand eines Spermiogramms bestimmen. Bei einem Spermiogramm wird die Qualität des Spermas analysiert. Dabei spielen die Gesamtzahl der Spermatozoen, die Spermienkonzentration im Ejakulat und die Beweglichkeit der Spermien nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Rolle. Aber schon einzelne Parameter wie die Gesamtzahl an beweglichen Spermien und der Grad der Schädigung der DNA und des Chromatids in den Spermien können schon vieles über den Grad der Zeugungsfähigkeit eines Mannes aussagen.

Zum Zweck der Zeugung können besonders gute Spermien auch angereichert werden. Dies ist zum Beispiel möglich mit einem Spermselector. Zum Zeitpunkt des Eisprunges werden die Spermien dann mit einem Katheter sehr effizient und schmerzfrei in die Gebärmutterhöhle eingespritzt.

Durch den Spermselector werden vor allem physiologisch gesunde Samenzellen, also die schnell beweglichen Samenzellen ohne DNA- oder Chromatid-Schäden, angereichert. Falls eine extrakorporale Befruchtung (= die Befruchtung der Eizelle außerhalb des Körpers der Frau im Reagenzglas) erfolgt, kann der Samen ebenfalls primär mit einem Samenselector angereichert werden. Anschließend können zusätzlich die allerbesten Samen mit speziellen hochauflösenden Mikroskopen selektiert werden (z.B.: Selektion von Samenzellen nach den MSOME-Kriterien – MSOME steht für „Motile Sperm Organelle Morphology Examination“), bevor diese für eine Befruchtung von einzelnen Eizellen herangezogen werden.

Diese innovative Methode der Mikroskopie basiert auf einer Echtzeitanalyse der Spermien mit einer bis zu 12.000-fachen Vergrößerung. Damit lassen sich kraterähnliche Strukturen im Spermienkopf, sogenannte Kernvakuolen, nachweisen.

Zahlreiche Studien in renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften belegen, dass das vermehrte Auftreten solcher Kernvakuolen zu einer deutlichen Verschlechterung der männlichen Fruchtbarkeit, verminderten Befruchtungsraten und einer geringeren Anzahl von (Top-) Embryonen am fünften Tag der In-vitro-Kultur führt. Niedrigere Schwangerschaftsraten und höhere Abortraten bzw. Fehlgeburten nach dem Embryotransfer können die Folge sein.

Ein schlechtes Spermiogramm ist für viele betroffene Kinderwunschpaare wie ein Schlag ins Gesicht. Bei einigen Männern werden die vorhandenen physischen Probleme noch verstärkt, weil ein solcher Befund starke Selbstzweifel und eine vermehrte psychische Belastung auslöst. All das ist sowohl für den lang gehegten Kinderwunsch als auch für das generelle Sexleben und die Libido natürlich nicht gerade förderlich.

Dass Kinderlosigkeit durch schlechte Spermienparameter bedingt sein kann, ist vielen verständlich. Doch kaum jemand hinterfragt die Ursachen verminderter Samenqualität oder ob die Ergebnisse eines Spermiogramms unveränderlich für alle Zeiten festgeschrieben sind. Können bestimmte Lebensgewohnheiten eine Rolle spielen, die sich positiv oder negativ auf die Spermien auswirken?

Einige neuere Studien lassen den Schluss zu, dass gewisse Lebensumstände tatsächlich Einfluss auf die Beweglichkeit und Anzahl der Spermien haben können. Allerdings sind die Fallzahlen meist zu klein und die Probanden nicht unbedingt IVF-Patienten. Somit ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf unfruchtbare Männer mit eingeschränktem Spermiogramm fraglich. Es existieren de facto keine Studien dazu, wie es sich mit der Spermienmorphologie nach den MSOME-Kriterien verhält.

Um dieser Thematik auf den Grund zu gehen und die daraus resultierenden Fragen beantworten zu können, hat mein Team eine umfassende Studie durchgeführt. Dazu standen uns 1.683 Patienten mit Kinderwunsch hinsichtlich ihrer Lebensgewohnheiten innerhalb der letzten drei Monate vor einer IVF- Therapie Rede und Antwort.

Wir befragten sie bezüglich ihrer Lebensumstände:

Ernährung, Stressbelastung, Sexualverhalten, Schlafgewohnheiten, Alkohol- und Tabakkonsum, sportliche Aktivitäten, Gesundheitsstatus u.v.m. Selbstverständlich wurden auch subjektive Parameter wie Alter und Body-Mass-Index (BMI) untersucht. Die Spermienqualität wurde hinsichtlich des Ejakulationsvolumen nach Samenerguss, ihrer Spermienkonzentration sowie hinsichtlich der Gesamtzahl und Beweglichkeit der im Ejakulat enthaltenen Samenzellen untersucht. Dies wurde vor der künstlichen Befruchtung – am Tag der Eizellentnahme (Follikelpunktion) – bestimmt.

Das Ergebnis war eindeutig: Die Kombination macht’s.

Wir konnten in dieser Studie nachweisen, dass einzelne Faktoren wie Alter, BMI, sexuelle Abstinenz und die Häufigkeit des Ejakulierens tatsächlich Auswirkungen auf die Qualität des Spermas haben. Und nicht nur auf die Spermienanzahl und -beweglichkeit, sondern auch auf die nach MSOME-Kriterien bestimmte Spermienmorphologie.

Unsere Studie berücksichtigt als eine der ganz wenigen Publikationen den multifaktoriellen Einfluss von Alter, BMI und diversen Lifestyle-Faktoren. Dazu haben wir diese verschiedenen Parameter nach einem ausgeklügelten Punktesystem bewertet. Nach unseren Erkenntnissen hat die Kombination aus Alter, Gewicht, sexueller Abstinenz, Anzahl der Ejakulationen und Menge des Kaffeekonsums wesentlichen Einfluss auf die Motilität und Morphologie der Spermien. Bis zu einem gewissen Grad kann also der Patient selbst die Qualität seiner Samen beeinflussen. Eine altersbedingte oder durch falsche Ernährungsgewohnheiten bedingte verminderte Samenqualität kann möglicherweise schon alleine durch vermehrte Ejakulation (Samenerguss) und häufigeren Geschlechtsverkehr verringert werden. Eine eumetrische Ernährung sowie das Einhalten der ZEM-Philosophie sollten unabhängig davon erfolgen. Umgekehrt scheint sexuelle Abstinenz der Spermienqualität nicht zuträglich zu sein.

Die Spermien-Qualität von Männern scheint in der Regel im Winter am höchsten. Das Gegenteil scheint im Sommer der Fall zu sein, wo sich unter anderem deren schnelle Beweglichkeit verringert.

Das sind Erkenntnisse einer Studie, welche in einem israelischen IVF-Zentrum durchgeführt wurde. In dieser Studie untersuchte eine Gruppe von Experten die Spermien- und Geburten-Muster im Verhältnis zu den Jahreszeiten.

Die Analyse wurde im Zeitraum von Januar 2006 bis Juli 2009 im Rahmen einer Erhebung der Fruchtbarkeit unter tausenden von Paaren angesetzt. Die Ärzte nahmen von überwiegend 30-jährigen Männern über 6400 Spermien-Proben, die in sogenannte Normozoospermien und Oligozoospermien unterteilt wurden. Diese zwei Begriffe sind Kriterien zur Beurteilung des Spermiogramms und wurden von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt.

Die Normozoospermien beschreiben einen sogenannten „normalen“ Ejakulatparameter. Der Begriff Oligozoospermien hingegen steht für eine geringere Anzahl an Spermatozoen in einem Ejakulat.

Bei beiden Gruppen konnte in Punkto Spermien-Konzentration und deren schnelle Beweglichkeit speziell im Sommer eine signifikante Abnahme festgestellt werden. Außerdem fanden die Wissenschaftler heraus, dass bei den Oligozoospermien, also den Proben mit einer geringeren Anzahl, die Fruchtbarkeit im Frühling und im Herbst am höchsten ist. Bei den Normozoospermien ist diese Hochphase im Winter. Dies könnte laut Studie eine mögliche Erklärung für die hohe Anzahl an Geburten im Herbst sein.

Die Analyse zeigt, dass die unterschiedlichen Spermien-Muster offenbar einen Jahresrhythmus aufweisen. In Bezug auf die Kinderwunsch-Behandlung bedeuten die Ergebnisse, dass die Erfolgsquote, beispielsweise in Fällen bei denen Männer eine geringere Spermien Anzahl haben, potentiell höher ist, wenn die Behandlungen im Frühling oder im Herbst stattfinden.

Für die Forscher steht fest, dass noch weitere Studien notwendig sein werden, um die saisonalen Auswirkungen auf die Spermien-Qualität zu untersuchen. So hoffen sie, mögliche Erklärungen für die Unterschiede in Häufigkeit und Zeitpunkt von Geburten zu finden.